Sonntag, 26. Oktober 2008

Folge 5: Die falsche Anzeige

Der Fahrer der Tram M13 blickte in den Rückspiegel und schob langsam den Hebel nach vorne. Die Straßenbahn fing erst an zu ruckeln und setzte sich dann relativ zügig in Bewegung. Jürgen Wollank warf einen kurzen Blick auf die verschiedenen Anzeigen im Display seiner Tram. Er hatte alles im Griff, wie jeden Tag. Die Bahn war auf die Minute pünktlich an der Enhaltestelle Rathaus losgefahren. Vor ihm lagen etliche Kilometer Schienen. Bis ganz nach oben in den Wedding würde die Route ihn führen. Er kannte jede Station auswendig, wusste ganz genau, wie lange er für jeden Streckenabschnitt brauchte. Auch nach 30 Jahren war es ein erhabenes Gefühl, dieses stählerne Ungetüm durch die Straßen von Berlin zu dirigieren. Schon als kleiner Junge liebte Jürgen Wollank elektrische Eisenbahnen. Und so war es für ihn selbstverständlich, dass er genauso wie sein Vater den Beruf eines Eisenbahners annehmen würde. Ja, damals. In den 70er Jahren war es noch üblich, dass die Söhne den Beruf des Vaters übernehmen würden.

Aber heutzutage war ja sowieso alles anders. Dieser ganze digitale Firlefanz, der ihn jeden Tag aufs Neue in seiner Fahrerkanzel anblinkte und anpiepte. Er selbst kannte noch die ganz alten Straßenbahnen, die durch Berlin zuckelten und sich mit einem ohrenbetäubenden quietschenden Geräusch in die Kurve legten. Bei denen man nicht schwellenlos einsteigen konnte, sondern immer erst drei Stufen hinaufklettern musste. Die noch simple Fahrscheinautomaten im rückwärtigen Bereich hatten und ein einfaches rundes kleines Loch in die Fahrkarte stempelten, fast wie mit einem normalen Locher gemacht. Und bei den ganz alten Straßenbahnen gab es sogar noch einen Schaffner, der jede Station persönlich ansagte. Heutzutage gab es diese Einheitsansagen, die zentral irgendwo auf der Welt produziert wurden und die man dann per Datenkabel in den Computer jeder Bahn einspeisen konnte.

Jürgen Wollank zog den Hebel wieder zurück, um die Straßenbahn langsamer werden zu lassen. Die Station Boxhagener Platz näherte sich. Auf den Zentimeter genau hielt er die Tram vor dem kleinen Wartehäuschen an, das sich an der Nordwestseite des Platzes befand. Es hatte angefangen zu regnen, und schätzungsweise 20 Leute drängten sich unter dem Dach, um einigermaßen trocken zu bleiben. Schon von weitem erkannte er die Fahrgäste, die jeden Tag um die gleiche Zeit in seine Straßenbahn einstiegen. Das ganze hatte schon fast etwas Familiäres, nur die Namen jedes einzelnen kannte er natürlich noch nicht. Da war diese Frau, die jeden Tag mit einer großen prallgefüllten Einkaufstüte vom gegenüberliegenden Supermarkt kam. Oder der Mann im Business-Anzug, der akurat seine Aktentasche unter dem Arm hielt und ab und zu Akten studierte, falls er einen Sitzplatz bekam. Und dann natürlich die Frau, die immer abgehetzt aus dem Rathaus stürzte und ihn jedesmal anlächelte, damit er die Türen nochmals für sie öffnete, obwohl er eigentlich gerade losfahren wollte. Manchmal wartete er regelrecht auf sie und fuhr erst eine Minute später los, weil sie noch nicht eingestiegen war. Er kannte doch seine Fahrgäste! Niemals würde er jemanden stehen lassen.

Die Fahrgäste drängelten sich in der Tram, einige schauten gelangweilt aus dem Fenster, blätterten in Zeitschriften oder telefonierten lautstark mit ihrem Handy. Nur Jürgen Wollank starrte auf sein Display, das sich neben der Geschwindigkeitsanzeige befand und ihm in einer grobkörnigen gelben Schrift die nächste Station ansagte. Ab und zu musste er kontrollieren, ob die Anzeige der nächsten Haltestelle mit seiner aktuellen Position im Stadtgebiet übereinstimmte. Nicht, dass er am Alexanderplatz vorbeifuhr, aber das Display auf einmal "Hauptbahnhof" anzeigte. Nicht auszudenken! Jetzt aber konnte er auf der Anzeige eine Station erkennen, die er vorher noch nie gesehen hatte. Eigentlich hätte als nächstes die Haltestelle "Wühlischstraße" kommen müssen. Stattdessen zeigte das Display jedoch "Zum Vordemhausgarten" an.

Was zum Teufel soll das!? Wer hat hier an meiner Anzeige herumgespielt? Spielt dieser elende Bordcomputer schon wieder verrückt? Oder gab es mal wieder eine Umbennung einer Haltestelle und ich bekomme das als letzter mit?

Jürgen blickte nach hinten zu den Fahrgästen. Niemand schien sich auch nur im geringsten dafür zu interessieren, welche Station als nächstes angezeigt wird. Niemand schien sich zu wundern, dass auf einmal eine ganz andere Haltestelle kommen sollte. Überhaupt: In Berlin schien sich niemals irgendein Mensch über irgendetwas zu wundern. Die Menschen unterhielten sich weiterhin, Schüler schubsten sich hin- und her, alte Leute saßen stumm und unbeweglich auf ihren Sitzen.

Jürgen hielt in gewohnter Weise seine Tram an der Station "Wühlischstraße" an, die nun anscheinend "Zum Vordemhausgarten" hieß, und beobachtete die Leute, die ausstiegen. Er sah ihre gleichgültigen Blicke, die wie in Zeitlupe die Umgebung abtasteten und nach etwas Vertrautem schauten. Na, wenigstens wussten die Leute noch, wo sie wohnten! Wozu eigentlich Anzeigen, wenn sie keiner beachtet! Während er sich noch über all das Gleichgültige seiner Fahrgäste wunderte, sah er im Augenwinkel, wie die Frau aus dem Rathaus ebenfalls ausstieg und sich suchend nach links und rechts umschaute.

Folge 4: Eine Aufmunterung wäre von Nöten

Nachdem Reinhardt Martens den Raum verlassen hatte, schloss Susanne Kramphaus ihren Raum ab und ließ sich langsam in ihren Schreibtischstuhl fallen. Puuh! Das wäre geschafft. Wieder eine dieser Sprechstunden am Dienstag, die zum Ende hin noch etwas Unruhe in ihren eigentlich doch so beschaulichen Alltag im Bauamt brachten. Und erst dieses merkwürdige Grundstück! Sie blickte auf den alten Plan, der immer noch auf dem großen Tisch neben ihrem Schreibtisch lag. Gut, dass sie diesen alten zusätzlichen Tisch noch in ihrem Raum hatte. Man konnte auf ihm so gut große Pläne ausbreiten. Fürchterlich, dass heutzutage immer alles digital verschickt und bearbeitet wurde. So ein historischer Plan mit einem alten originalen königlichen Siegel war doch einfach etwas ganz anderes. Sie konnte förmlich die Geschichte einatmen, die dieses Stück gezeichnete Historie in ihrem kleinen Zimmer verbreitete.

Sonderbar. Sie beugte sich über den Plan, holte sogar eine Lupe aus dem kleinen Container, der unter ihrem Schreibtisch stand und beugte sich über die Straße, in dessen Mitte dieses kleine unscheinbare, grün angelegte Grundstück lag. So etwas war ihr in den ganzen 20 Jahren, die sie nun schon im Bauamt arbeitete, nicht untergekommen. In einem städtischen Umfeld, wie es Friedrichshain insbesondere hier aufweisen konnte, mit kaum zerstörten Altbauten, eine solche Festlegung. Das machte einfach keinen Sinn! Irgendwo müsste doch noch ein Hinweis zu finden sein. Sie fuhr langsam mit der Lupe über den Plan, suchte die textlichen Festsetzungen ab, schaute in der Legende. Sogar auf der Rückseite untersuchte sie jeden Zentimenter. Aber außer einer mit Bleistift geschriebenen Datumsangabe von 1850 waren hier keinerlei Angaben zu finden.

Sie musste an den Architekten denken, der sie so enttäuscht und frustriert angeschaut hatte, als sie ihm die quasi nicht vorhandene Bebaubarkeit des Grundstückes erläutert hatte. Nicht nur, dass er einen abgehetzten Eindruck gemacht hatte, nein, sein Hände waren auch so fürchterlich dreckig gewesen. Was er wohl sonst als Architekt macht? Schöne Zeichnungen anfertigen konnte er auf jeden Fall. Aber wahrscheinlich war er gerade von seiner Baustelle gekommen. Einer dieser Bauleiter, die Tag für Tag auf der Baustelle sind und ganze Häuser aus dem Nichts entstehen lassen. Außer auf diesem Grundstück. Schade, sein Entwurf war wirklich sehr ausgefallen. Ich hätte vielleicht doch noch mal schauen sollen, warum um Himmels Willen für dieses Grundstück eine Grünfläche ausgewiesen ist!

Sie hatte auf einmal ein schlechtes Gewissen. Der Architekt hatte sich soviel Mühe gegeben. Und sie hatte ihn so bitter enttäuschen müssen. Nicht mal verabschiedet hatte er sich. Wie unhöflich! Dabei sah er gar nicht so unsympathisch aus. Nur etwas mehr lächeln könnte ihm nicht schaden. Sollte er nochmal in Ihre Bauberatung kommen, würde sie ihn das nächste Mal aufmuntern. Vielleicht hätte sie bis dahin auch etwas mehr Licht in das Dunkel dieses Grundstückes gebracht. Genau! Das wäre doch gelacht, wenn sie das nicht herausfinden würde. Sie, Susanne Kramphaus, seit 20 Jahren in diesem verfluchten Bauamt gefangen. In ihren Gedanken sah sie sich schon, wie sie auf der wöchentlichen Sitzung in ihrem Fachbereich über das gelöste Rätsel berichten könnte. Und alle würden sie voller Hochachtung anschauen. Die kleine Susanne. Immer unterschätzt. Das wäre wirklich eine gute Chance, es mal allen Kollegen zu zeigen!

Sie blickte auf die Uhr, die über ihrer Tür hing. Noch ein paar Stunden und sie hätte Feierabend. Das Grundstück lag auf ihrem Weg nach Hause. Wie praktisch. Sie würde sich das ganze vor Ort anschauen, vielleicht ergibt sich die Lösung des Rätsels ganz von alleine. Sie liegt bestimmt vor mir, ich sehe es nur noch nicht. Voller Tatendrang rollte sie den alten Plan ein und verschloss ihn wieder in der untersten Schublade ihres Planschrankes.

"Susanne? Kommst Du mit, ich mache Feierabend!". Ihr Kollege schaute zur Tür rein. Susanne blickte auf die Uhr. Schon 18 Uhr! Schnell zog sie ihre Jacke an und rannte ihm hinterher. Vor der Tür stand schon die Straßenbahn und schloss gerade ihre Türen. Susanne rannte nach vorne, lächelte den Fahrer mit ihrem zuckersüßesten Lächeln an und sprang in die Tram, als die Türen sich zum zweiten Mal und auch nur für sie öffneten.

Folge 3: Eine ausgewiesene Gartenfläche

Reinhardt schaute auf seine Hände, als er ungeduldig an der roten Ampel mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte. Ach Du Meine Güte! Überall hatte er schwarze Schlieren von seiner völlig verdreckten Stoßstange, die er eben vor den Augen einiger Schaulustiger in seinen Kofferraum bugsiert hatte. Er hörte sie ganz genau von einer Seite des Wagens auf die andere Seite rumpoltern, während er über das Kopfsteinpflaster ratterte. So sehr er den Charme alter Straßen in Berlin mochte, dieses Kopfsteinpflaster - und vor allem das vor dem S-Bahnhof Ostkreuz - trieb ihn regelmäßig in den Wahnsinn. Was solls, dachte er sich. An jeder Ecke wartet ein potentieller Auftrag auf Dich, und sei es nur die Neupflasterung von alten Straßen.

Er lies das Geschrei von zwei Männern, die sich lautstark mit zwei Bierflaschen in der Hand unterhielten hinter sich und bog die Hauptstraße ein, in der das Rathaus und damit auch das Bauamt lag.

"Herein!"

Hinter der Tür erklang eine freundlichen Stimme, nachdem er zaghaft an die Tür geklopft hatte. Reinhardt freute sich über die Sympathie, die in der Stimme lag und blickte auf seine Armbanduhr. Glück gehabt! Es war kurz vor 12 und eigentlich hatte er erwartet, dass er den Weg zum Bauamt umsonst gemacht hatte. Bei den Sprechzeiten kannten die Beamten kein Pardon. 12 Uhr heißt 12 Uhr! Und keine Minute länger.

"Guten Tag! Meine Name ist Reinhardt Martens. Ich hätte gerne eine bauplanungsrechtliche Beratung zu einem Grundstück in Friedrichshain."

Reinhardt holte aus seiner Umhängetasche ein Luftbild und einen Lageplan und stellte der Sachbearbeiterin, die sich als Susanne Kramphaus vorgestellt hatte, das Grundstück vor. Er erläuterte kurz seine Absichten zu einer möglichen Bebauung, zeigte seine liebevoll gezeichneten Ansichten und erzählte von Zonierungen, Eingängen und Blickachsen. Sogar die Stellplatzsituation hatte er gelöst, und zu guter Letzt hatte er sogar an einen Kinderspielplatz im Hof gedacht. Er klopfte sich innerlich auf die Schulter für seinen gelungenen Entwurf und schaute die Beamtin erwartungsvoll an. Na los, sag schon was, sei auch begeistert, dachte er sich.

Stattdessen blickte er in ein ratloses Gesicht. Die Frau stand wortlos auf, ging zu einem großen Planschrank, der fast ihr ganzes Zimmer einnahm, und wühlte umständlich darin rum. Es sah ganz danach aus, als ob sie gleich einen Original-Plan von 1850 herausholen würde, voller Staub, vergilbt und mit großen Eselsohren. Seit Jahrzehnten nicht angefasst und völlig vergessen im Amt. Zu seiner Überraschung war es genau so, wie er es vermutet hatte. Die Frau rollte einen uralten Plan aus, beschwerte die Ecken mit großen Pflastersteinen, damit er sich nicht wieder zusammenrollte, und studierte eingehend die kunstvoll gezeichneten Linien.

"Tjaaa...". Die Frau dehnte das Wort in die Länge und runzelte die Stirn. "Ich fürchte, die Sachlage ist nicht so eindeutig, wie ich zunächst gedacht hatte. Ihr Entwurf gefällt mir wirklich gut...." Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Reinhardt.

"Aber so wie es aussieht, dürfen Sie an der Stelle kein Haus bauen. So leid es mir tut, aber Sie müssen Ihrem Bauherren ausrichten, dass für das Grundstück im vorderen Teil an der Straße eine Gartenfläche ausgewiesen ist. Eigentlich ist aus meiner Sicht die Sachlage sonnenklar. Eine typische Berliner Baulücke in einem Quartier mit Gründerzeitbebauung. Überall in der in der Umgebung gibt es die hundertfach bekannte Abfolge aus Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus, die einen Hof umschließen. Je nach Wohnlage können sich dann mehrere Höfe aneinanderfügen, bis Sie an der anderen Seite des Häuserblockes wieder an einer Straße ankommen. Aber hier scheint es etwas anders zu sein!"

Reinhardt schaute erst auf seinen Plan und dann in das Gesicht der Sachbearbeiterin. Wovon redete sie bloß? Seinen Enwurf erst gut finden und dann alles zunichte machen?! Er hoffte, dass sie eine gute Begründung dafür hatte. Schließlich musste er alles seinem Bauherren klar machen.

Sie tippte auf das Grundstück, dass als einziges auf dem großen Plan grün angelegt war, und fuhr fort: "Normalerweise würde ich Ihrer Blockrandbebauung zustimmen. Schließlich gibt es noch einen Seitenflügel und ein Hinterhaus. Dies spricht alles dafür, dass an dieser Stelle wohl ursprünglich auch ein Vorderhaus errichtet werden sollte. Aber in diesem Plan ist eindeutig festgelegt - hier, sehen Sie das königliche Siegel - dass auf diesem Grundstück an der Straße kein Gebäude gebaut werden darf. Es tut mir wirklich leid!".

Wortlos packte Reinhardt seine Zeichnungen, sein Lineal, sein Skizzenpapier und all seine Hoffnungen auf einen neuen Auftrag in seine Umhängetasche und verließ den Raum, ohne sich von Susanne Kramphaus zu verabschieden.

Folge 2: Zwei Bier und ein Schatten

Martina Sassnitz griff zu ihrem Funkgerät, das sie an ihren Gürtel geklemmt hatte. Was war bloß los heute? Normalerweise war ein Dienstagmorgen etwas ruhiger. Ein Kaffee auf der Wache, ein Blick in die Zeitung, hier und da ein kleiner Gang im Kiez. Es war gerade mal 8 Uhr und schon wieder quäkte ihr Funkgerät. Die nuschelnde Stimme ihres Kollegen war kaum zu verstehen. Sie würde ihn gleich zurückfunken müssen. Erst einmal musste sie den Unfall auf der Modersohnbrücke zuende aufnehmen. Nichts besonderes. Ein ganz normaler Auffahrunfall. Mal wieder hatte einer der beiden Autofahrer geschlafen und war seinem Vordermann hinten drauf gefahren. Allerweltsgeschichte.

Sie zückte ihren Kugelschreiber und flitzte über das Formular. Schon tausende Male hatte sie dieses Formular ausgefüllt. Jede Menge Schreibkram. Gleich fünf Personen waren in diesen Verwaltungsakt involviert. Nicht nur die beiden Autofahrer, sondern auch sie selbst mit ihrem Kollegen, und dann irgendein Verwaltungsbeamter, der dies dann auch noch in das globale Verkehrssünderkarteisystem eingeben musste. Welche Verschwendung von Zeit! Martina blätterte um. Nur noch drei Seiten auszufüllen. Die Straßennamen kannte sie schon auswendig. Wie oft sie in den letzten Monaten hierher gerufen wurde! Als ob sich die Autofahrer absprechen würden, um nur hier, genau hier in der Mitte der Modersohnbrücke, einen Auffahrunfall zu verursachen.

Wenigstens war nur einer der beiden Autofahrer einer dieser Schreihälse, mit denen sie tagein tagaus zu tun hatte. Was musste er sich eigentlich so aufregen? Schließlich war an seinem roten Audi kaum etwas zu sehen. Gut zugegeben, ein paar Kratzer, aber wer konnte wissen, ob diese Kratzer nicht vorher schon dort waren? Etwas weniger gut sah der kleine blau-weiße Smart aus. Der Besitzer nahm es wenigstens mit Humor, während er die Stoßstange in seinem Kofferraum verstaute. Sie musste lächeln. Als sie den ganzen Vorgang aufgenommen hatte, blickte er sie mit ernster Miene an und redete irgendetwas von einem Monster und Fahrrad. Berliner! Immer einen frechen Spruch auf den Lippen.

Krrrchhhkkrrr!

Ihr Funkgerät krächzte erneut. Schon gut, schon gut. Sie packte ihre Sachen, verabschiedete sich von den beiden Autofahrern und stieg mit ihrem Kollegen in ihren Dienstwagen.

"Ich habe Dir doch gesagt, pass auf den Ausgang auf!".

Die Stimme des einen Landstreichers war schon von weitem zu hören, als Martina ihren Wagen auf dem Vorplatz vor dem S-Bahnhof Ostkreutz abstellte. Vorplatz war vielleicht nicht das richtige Wort. Das klang so nach gestalteter Fläche mit schönen Sitzmöbeln, Blumen und einem repräsentativen Eingangsbereich. Das hier war genau das Gegenteil. Überall fehlten die Steinplatten, an ihrer Stelle waren quadratmetergroße Schlaglöcher vorhanden, in denen sich das schlammig-braune Regenwasser sammelte. Die Menschen hasteten eilig im Zickzack zu den beiden möglichen Eingängen. Denn der Bahnhof war, wie der Name schon sagte, ein Drehkreuz im Berliner S-Bahnverkehr. Jeden Tag spuckte er abertausende von Menschen aus den S-Bahnen, die entweder in den umliegenden Straßen verschwanden, oder hasteten zu den Gleisen, um dort wiederum in einer dieser metallenen S-Bahn-Schlangen zu verschwinden. Kein Ort zum Verweilen. Kein Ort, an dem man sich wohl fühlte. Ein Ort, der dringend eine Verschönerungskur benötigte.

Martina sah den beiden Landstreichern zu, die sich aufgeregt anblafften. Sie kannte die beiden. Alfred und Anton, die beiden Landstreicher. Beide wie immer mit einem Bier in der Hand. Und immer gut für eine Schauergeschichte. Wie immer hatte ein Tourist, der sich in diese Gegend verirrt hatte, die Polizei gerufen, weil er eine Schlägerei der beiden vermutete. Auch heute würde sie wieder die beiden beruhigen müssen und ihnen heimlich ein paar Euro zustecken, damit sie sich eine heiße Suppe beim Imbiss holen könnten.

"Ich war nur für ein paar Minuten eingenickt! Ich kann auch nicht die ganze Nacht aufpassen". Alred war sichtlich in Rage und zeigte mit der Bierflasche auf den hinteren Eingang.

"Weit sind sie nicht gekommen. Sie trauen sich nur bis zum hinteren Eingang. Nicht weiter, aber wie lange noch?"

Martina sah sie besorgt an. Woher sie bloß diese Schauergeschichten haben? Ja gut, als Kind hatte man davor Angst. Aber als Erwachsener? Sie wusste ganz genau, was jetzt wieder kommen würde. Die dunklen Geschichten von umherirrenden Schatten, flüsternden Stimmen undundund... Eine mangelnde Phantasie konnte man den beiden liebenswerten Landstreichern jedenfalls nicht absprechen.

Alfred und Anton blickten sie beide an und lächelten, als Martina nach ihrem Portemonnaie in ihrer Jackentasche suchte. Sie wusste ganz genau, dass die beiden auf genau das wieder gehofft hatten.

Freitag, 24. Oktober 2008

Folge 1: Ein Auffahrunfall

Dichtung ist immer nur eine Expedition nach der Wahrheit.
Franz Kafka, (1883 - 1924), österreichischer Romanautor tschechischer Herkunft


Karummsklirrschepper!

Wie beim Autoscooter berührte die Stoßstange sachte das gleiche, makelos in Wagenfarbe lackierte Teil des Vordermannes und schob den roten Audi um einige Zentimeter nach vorne. Der Aufprall war so sanft, dass Reinhardt nur mit leichtem Druck in seinen Gurt hineingepresst wurde. Aber leider war er auch so stark, dass mit heftigem Gepolter die Stoßstange seines blau-weißen Smart auf die Straße fiel.

Mist! Ausgerechnet jetzt!

Reinhardts Finger krallten sich in das Lenkrad. Er hatte nur einige Sekunden nicht aufgepasst und zur Seite geblickt. Ein flüchtiger Augenblick. Und nur weil er den Ausblick auf die Gleise Richtung Warschauer Straße genießen wollte. Wie sehr er das liebte. Der morgendliche Blick über Berlin, die Stadt, die langsam erwachte. Überall geschäftige Menschen, die im Morgennebel auf die S-Bahn warteten. Entweder mit gelangweiltem Blick, oder geschäftig die Nase hinter einer Zeitung versteckt.

Klopfklopfklopf!

Reinhardt schreckte aus seinen Gedanken hoch und blickte nach links. Er sah einen wild gestikulierenden Mann, der hektisch an die Scheibe der Fahrertür klopfte.

"Wohl keene Augen im Kopp, wa!?"

Dabei tippte er noch, um seinen Worten Unterstützung zu geben, mit dem Zeigefinger an seine Stirn, gleichzeitig den Kopf schüttelnd und einige andere Beschimpfungen vor sich hinbrummelnd. Ehe Reinhardt auch nur antworten konnte, zückte der Mann ein Handy und schien die Polizei anzurufen. Reinhardt schloss die Augen und ließ langsam die Scheibe wieder hochfahren. Er schaute in den Rückspiegel. Seine Augen sahen müde aus. Dabei war er extra früh aufgestanden, um als erster beim Bauamt zu sein. Punkt 9 Uhr hätte an die Tür geklopft und wäre mit erhobenen Hauptes hineingegangen. Na, ja, zum Glück war die Sprechstunde bis 12 Uhr, vielleicht könnte er das noch schaffen, wenn das ganze hier nicht so lange dauern würde. Schließlich hatte er den größten Teil des Blechschadens.

Reinhardt beugte sich nach vorne und sah auf die Straße. Seine Stoßstange schien noch einigermaßen intakt zu sein. Vielleicht könnte er sie einfach in den Kofferraum hiefen und in der Werkstatt wieder anbauen lassen? Aber würde sie überhaupt hinten reinpassen? So ein Smart war gut in der Stadt, wenn es um die Parkplatzsuche ging, aber sobald es an das Transportieren von sperrigen Dingen ging, bekam er leicht Probleme. Während Reinhardt noch über das Verstauen seiner Stoßstange nachdachte, hörte er von weitem die Sirene eines Polizeiwagens herannahen. So was typisches! Ein simpler Blechschaden, und gleich mit Sirene heranbrausen. Das fällt auch nur den Berliner Polizisten ein. Gleich würden sie mit dann mit diesem leicht gelangweilten, ins Überhebliche gehenden Blick aussteigen, erst den Blechschaden anschauen, um dann in aller Seelenruhe ihren Block mit all den fürchterlichen Formularen zu zücken. Und was sollte er ihnen dann sagen? Dass er für einige Sekunden unachtsam war? Dass er den Ausblick, die Silhouette mit Fernsehturm und all den anderen Sehenswürdigkeiten so sehr liebte? Sie würden ihn nur mitleidig anschauen. Vielleicht sollte er sich einfach den Scherz erlauben und sagen, dass er ein riesiges Monster gesehen hätte, wie es auf einem Fahrrad die Brücke hochschnaufte! Er musste bei dem Gedanken an diese Vorstellung lächeln.

Aber eigenlich hätte das auch keinen Sinn. Die Welt im allgemeinen und diese Polizisten im speziellen hätten bestimmt keinen Sinn für Phantasie. Reinhardt seufzte und ging langsam zu der Polizistin, die sich schon das Gezeter des Audi-Fahrers anhören musste.