Dichtung ist immer nur eine Expedition nach der Wahrheit.
Franz Kafka, (1883 - 1924), österreichischer Romanautor tschechischer Herkunft
Karummsklirrschepper!
Wie beim Autoscooter berührte die Stoßstange sachte das gleiche, makelos in Wagenfarbe lackierte Teil des Vordermannes und schob den roten Audi um einige Zentimeter nach vorne. Der Aufprall war so sanft, dass Reinhardt nur mit leichtem Druck in seinen Gurt hineingepresst wurde. Aber leider war er auch so stark, dass mit heftigem Gepolter die Stoßstange seines blau-weißen Smart auf die Straße fiel.
Mist! Ausgerechnet jetzt!
Reinhardts Finger krallten sich in das Lenkrad. Er hatte nur einige Sekunden nicht aufgepasst und zur Seite geblickt. Ein flüchtiger Augenblick. Und nur weil er den Ausblick auf die Gleise Richtung Warschauer Straße genießen wollte. Wie sehr er das liebte. Der morgendliche Blick über Berlin, die Stadt, die langsam erwachte. Überall geschäftige Menschen, die im Morgennebel auf die S-Bahn warteten. Entweder mit gelangweiltem Blick, oder geschäftig die Nase hinter einer Zeitung versteckt.
Klopfklopfklopf!
Reinhardt schreckte aus seinen Gedanken hoch und blickte nach links. Er sah einen wild gestikulierenden Mann, der hektisch an die Scheibe der Fahrertür klopfte.
"Wohl keene Augen im Kopp, wa!?"
Dabei tippte er noch, um seinen Worten Unterstützung zu geben, mit dem Zeigefinger an seine Stirn, gleichzeitig den Kopf schüttelnd und einige andere Beschimpfungen vor sich hinbrummelnd. Ehe Reinhardt auch nur antworten konnte, zückte der Mann ein Handy und schien die Polizei anzurufen. Reinhardt schloss die Augen und ließ langsam die Scheibe wieder hochfahren. Er schaute in den Rückspiegel. Seine Augen sahen müde aus. Dabei war er extra früh aufgestanden, um als erster beim Bauamt zu sein. Punkt 9 Uhr hätte an die Tür geklopft und wäre mit erhobenen Hauptes hineingegangen. Na, ja, zum Glück war die Sprechstunde bis 12 Uhr, vielleicht könnte er das noch schaffen, wenn das ganze hier nicht so lange dauern würde. Schließlich hatte er den größten Teil des Blechschadens.
Reinhardt beugte sich nach vorne und sah auf die Straße. Seine Stoßstange schien noch einigermaßen intakt zu sein. Vielleicht könnte er sie einfach in den Kofferraum hiefen und in der Werkstatt wieder anbauen lassen? Aber würde sie überhaupt hinten reinpassen? So ein Smart war gut in der Stadt, wenn es um die Parkplatzsuche ging, aber sobald es an das Transportieren von sperrigen Dingen ging, bekam er leicht Probleme. Während Reinhardt noch über das Verstauen seiner Stoßstange nachdachte, hörte er von weitem die Sirene eines Polizeiwagens herannahen. So was typisches! Ein simpler Blechschaden, und gleich mit Sirene heranbrausen. Das fällt auch nur den Berliner Polizisten ein. Gleich würden sie mit dann mit diesem leicht gelangweilten, ins Überhebliche gehenden Blick aussteigen, erst den Blechschaden anschauen, um dann in aller Seelenruhe ihren Block mit all den fürchterlichen Formularen zu zücken. Und was sollte er ihnen dann sagen? Dass er für einige Sekunden unachtsam war? Dass er den Ausblick, die Silhouette mit Fernsehturm und all den anderen Sehenswürdigkeiten so sehr liebte? Sie würden ihn nur mitleidig anschauen. Vielleicht sollte er sich einfach den Scherz erlauben und sagen, dass er ein riesiges Monster gesehen hätte, wie es auf einem Fahrrad die Brücke hochschnaufte! Er musste bei dem Gedanken an diese Vorstellung lächeln.
Aber eigenlich hätte das auch keinen Sinn. Die Welt im allgemeinen und diese Polizisten im speziellen hätten bestimmt keinen Sinn für Phantasie. Reinhardt seufzte und ging langsam zu der Polizistin, die sich schon das Gezeter des Audi-Fahrers anhören musste.
Freitag, 24. Oktober 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen