Sonntag, 26. Oktober 2008

Folge 2: Zwei Bier und ein Schatten

Martina Sassnitz griff zu ihrem Funkgerät, das sie an ihren Gürtel geklemmt hatte. Was war bloß los heute? Normalerweise war ein Dienstagmorgen etwas ruhiger. Ein Kaffee auf der Wache, ein Blick in die Zeitung, hier und da ein kleiner Gang im Kiez. Es war gerade mal 8 Uhr und schon wieder quäkte ihr Funkgerät. Die nuschelnde Stimme ihres Kollegen war kaum zu verstehen. Sie würde ihn gleich zurückfunken müssen. Erst einmal musste sie den Unfall auf der Modersohnbrücke zuende aufnehmen. Nichts besonderes. Ein ganz normaler Auffahrunfall. Mal wieder hatte einer der beiden Autofahrer geschlafen und war seinem Vordermann hinten drauf gefahren. Allerweltsgeschichte.

Sie zückte ihren Kugelschreiber und flitzte über das Formular. Schon tausende Male hatte sie dieses Formular ausgefüllt. Jede Menge Schreibkram. Gleich fünf Personen waren in diesen Verwaltungsakt involviert. Nicht nur die beiden Autofahrer, sondern auch sie selbst mit ihrem Kollegen, und dann irgendein Verwaltungsbeamter, der dies dann auch noch in das globale Verkehrssünderkarteisystem eingeben musste. Welche Verschwendung von Zeit! Martina blätterte um. Nur noch drei Seiten auszufüllen. Die Straßennamen kannte sie schon auswendig. Wie oft sie in den letzten Monaten hierher gerufen wurde! Als ob sich die Autofahrer absprechen würden, um nur hier, genau hier in der Mitte der Modersohnbrücke, einen Auffahrunfall zu verursachen.

Wenigstens war nur einer der beiden Autofahrer einer dieser Schreihälse, mit denen sie tagein tagaus zu tun hatte. Was musste er sich eigentlich so aufregen? Schließlich war an seinem roten Audi kaum etwas zu sehen. Gut zugegeben, ein paar Kratzer, aber wer konnte wissen, ob diese Kratzer nicht vorher schon dort waren? Etwas weniger gut sah der kleine blau-weiße Smart aus. Der Besitzer nahm es wenigstens mit Humor, während er die Stoßstange in seinem Kofferraum verstaute. Sie musste lächeln. Als sie den ganzen Vorgang aufgenommen hatte, blickte er sie mit ernster Miene an und redete irgendetwas von einem Monster und Fahrrad. Berliner! Immer einen frechen Spruch auf den Lippen.

Krrrchhhkkrrr!

Ihr Funkgerät krächzte erneut. Schon gut, schon gut. Sie packte ihre Sachen, verabschiedete sich von den beiden Autofahrern und stieg mit ihrem Kollegen in ihren Dienstwagen.

"Ich habe Dir doch gesagt, pass auf den Ausgang auf!".

Die Stimme des einen Landstreichers war schon von weitem zu hören, als Martina ihren Wagen auf dem Vorplatz vor dem S-Bahnhof Ostkreutz abstellte. Vorplatz war vielleicht nicht das richtige Wort. Das klang so nach gestalteter Fläche mit schönen Sitzmöbeln, Blumen und einem repräsentativen Eingangsbereich. Das hier war genau das Gegenteil. Überall fehlten die Steinplatten, an ihrer Stelle waren quadratmetergroße Schlaglöcher vorhanden, in denen sich das schlammig-braune Regenwasser sammelte. Die Menschen hasteten eilig im Zickzack zu den beiden möglichen Eingängen. Denn der Bahnhof war, wie der Name schon sagte, ein Drehkreuz im Berliner S-Bahnverkehr. Jeden Tag spuckte er abertausende von Menschen aus den S-Bahnen, die entweder in den umliegenden Straßen verschwanden, oder hasteten zu den Gleisen, um dort wiederum in einer dieser metallenen S-Bahn-Schlangen zu verschwinden. Kein Ort zum Verweilen. Kein Ort, an dem man sich wohl fühlte. Ein Ort, der dringend eine Verschönerungskur benötigte.

Martina sah den beiden Landstreichern zu, die sich aufgeregt anblafften. Sie kannte die beiden. Alfred und Anton, die beiden Landstreicher. Beide wie immer mit einem Bier in der Hand. Und immer gut für eine Schauergeschichte. Wie immer hatte ein Tourist, der sich in diese Gegend verirrt hatte, die Polizei gerufen, weil er eine Schlägerei der beiden vermutete. Auch heute würde sie wieder die beiden beruhigen müssen und ihnen heimlich ein paar Euro zustecken, damit sie sich eine heiße Suppe beim Imbiss holen könnten.

"Ich war nur für ein paar Minuten eingenickt! Ich kann auch nicht die ganze Nacht aufpassen". Alred war sichtlich in Rage und zeigte mit der Bierflasche auf den hinteren Eingang.

"Weit sind sie nicht gekommen. Sie trauen sich nur bis zum hinteren Eingang. Nicht weiter, aber wie lange noch?"

Martina sah sie besorgt an. Woher sie bloß diese Schauergeschichten haben? Ja gut, als Kind hatte man davor Angst. Aber als Erwachsener? Sie wusste ganz genau, was jetzt wieder kommen würde. Die dunklen Geschichten von umherirrenden Schatten, flüsternden Stimmen undundund... Eine mangelnde Phantasie konnte man den beiden liebenswerten Landstreichern jedenfalls nicht absprechen.

Alfred und Anton blickten sie beide an und lächelten, als Martina nach ihrem Portemonnaie in ihrer Jackentasche suchte. Sie wusste ganz genau, dass die beiden auf genau das wieder gehofft hatten.

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