Reinhardt schaute auf seine Hände, als er ungeduldig an der roten Ampel mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte. Ach Du Meine Güte! Überall hatte er schwarze Schlieren von seiner völlig verdreckten Stoßstange, die er eben vor den Augen einiger Schaulustiger in seinen Kofferraum bugsiert hatte. Er hörte sie ganz genau von einer Seite des Wagens auf die andere Seite rumpoltern, während er über das Kopfsteinpflaster ratterte. So sehr er den Charme alter Straßen in Berlin mochte, dieses Kopfsteinpflaster - und vor allem das vor dem S-Bahnhof Ostkreuz - trieb ihn regelmäßig in den Wahnsinn. Was solls, dachte er sich. An jeder Ecke wartet ein potentieller Auftrag auf Dich, und sei es nur die Neupflasterung von alten Straßen.
Er lies das Geschrei von zwei Männern, die sich lautstark mit zwei Bierflaschen in der Hand unterhielten hinter sich und bog die Hauptstraße ein, in der das Rathaus und damit auch das Bauamt lag.
"Herein!"
Hinter der Tür erklang eine freundlichen Stimme, nachdem er zaghaft an die Tür geklopft hatte. Reinhardt freute sich über die Sympathie, die in der Stimme lag und blickte auf seine Armbanduhr. Glück gehabt! Es war kurz vor 12 und eigentlich hatte er erwartet, dass er den Weg zum Bauamt umsonst gemacht hatte. Bei den Sprechzeiten kannten die Beamten kein Pardon. 12 Uhr heißt 12 Uhr! Und keine Minute länger.
"Guten Tag! Meine Name ist Reinhardt Martens. Ich hätte gerne eine bauplanungsrechtliche Beratung zu einem Grundstück in Friedrichshain."
Reinhardt holte aus seiner Umhängetasche ein Luftbild und einen Lageplan und stellte der Sachbearbeiterin, die sich als Susanne Kramphaus vorgestellt hatte, das Grundstück vor. Er erläuterte kurz seine Absichten zu einer möglichen Bebauung, zeigte seine liebevoll gezeichneten Ansichten und erzählte von Zonierungen, Eingängen und Blickachsen. Sogar die Stellplatzsituation hatte er gelöst, und zu guter Letzt hatte er sogar an einen Kinderspielplatz im Hof gedacht. Er klopfte sich innerlich auf die Schulter für seinen gelungenen Entwurf und schaute die Beamtin erwartungsvoll an. Na los, sag schon was, sei auch begeistert, dachte er sich.
Stattdessen blickte er in ein ratloses Gesicht. Die Frau stand wortlos auf, ging zu einem großen Planschrank, der fast ihr ganzes Zimmer einnahm, und wühlte umständlich darin rum. Es sah ganz danach aus, als ob sie gleich einen Original-Plan von 1850 herausholen würde, voller Staub, vergilbt und mit großen Eselsohren. Seit Jahrzehnten nicht angefasst und völlig vergessen im Amt. Zu seiner Überraschung war es genau so, wie er es vermutet hatte. Die Frau rollte einen uralten Plan aus, beschwerte die Ecken mit großen Pflastersteinen, damit er sich nicht wieder zusammenrollte, und studierte eingehend die kunstvoll gezeichneten Linien.
"Tjaaa...". Die Frau dehnte das Wort in die Länge und runzelte die Stirn. "Ich fürchte, die Sachlage ist nicht so eindeutig, wie ich zunächst gedacht hatte. Ihr Entwurf gefällt mir wirklich gut...." Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Reinhardt.
"Aber so wie es aussieht, dürfen Sie an der Stelle kein Haus bauen. So leid es mir tut, aber Sie müssen Ihrem Bauherren ausrichten, dass für das Grundstück im vorderen Teil an der Straße eine Gartenfläche ausgewiesen ist. Eigentlich ist aus meiner Sicht die Sachlage sonnenklar. Eine typische Berliner Baulücke in einem Quartier mit Gründerzeitbebauung. Überall in der in der Umgebung gibt es die hundertfach bekannte Abfolge aus Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus, die einen Hof umschließen. Je nach Wohnlage können sich dann mehrere Höfe aneinanderfügen, bis Sie an der anderen Seite des Häuserblockes wieder an einer Straße ankommen. Aber hier scheint es etwas anders zu sein!"
Reinhardt schaute erst auf seinen Plan und dann in das Gesicht der Sachbearbeiterin. Wovon redete sie bloß? Seinen Enwurf erst gut finden und dann alles zunichte machen?! Er hoffte, dass sie eine gute Begründung dafür hatte. Schließlich musste er alles seinem Bauherren klar machen.
Sie tippte auf das Grundstück, dass als einziges auf dem großen Plan grün angelegt war, und fuhr fort: "Normalerweise würde ich Ihrer Blockrandbebauung zustimmen. Schließlich gibt es noch einen Seitenflügel und ein Hinterhaus. Dies spricht alles dafür, dass an dieser Stelle wohl ursprünglich auch ein Vorderhaus errichtet werden sollte. Aber in diesem Plan ist eindeutig festgelegt - hier, sehen Sie das königliche Siegel - dass auf diesem Grundstück an der Straße kein Gebäude gebaut werden darf. Es tut mir wirklich leid!".
Wortlos packte Reinhardt seine Zeichnungen, sein Lineal, sein Skizzenpapier und all seine Hoffnungen auf einen neuen Auftrag in seine Umhängetasche und verließ den Raum, ohne sich von Susanne Kramphaus zu verabschieden.
Sonntag, 26. Oktober 2008
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