Nachdem Reinhardt Martens den Raum verlassen hatte, schloss Susanne Kramphaus ihren Raum ab und ließ sich langsam in ihren Schreibtischstuhl fallen. Puuh! Das wäre geschafft. Wieder eine dieser Sprechstunden am Dienstag, die zum Ende hin noch etwas Unruhe in ihren eigentlich doch so beschaulichen Alltag im Bauamt brachten. Und erst dieses merkwürdige Grundstück! Sie blickte auf den alten Plan, der immer noch auf dem großen Tisch neben ihrem Schreibtisch lag. Gut, dass sie diesen alten zusätzlichen Tisch noch in ihrem Raum hatte. Man konnte auf ihm so gut große Pläne ausbreiten. Fürchterlich, dass heutzutage immer alles digital verschickt und bearbeitet wurde. So ein historischer Plan mit einem alten originalen königlichen Siegel war doch einfach etwas ganz anderes. Sie konnte förmlich die Geschichte einatmen, die dieses Stück gezeichnete Historie in ihrem kleinen Zimmer verbreitete.
Sonderbar. Sie beugte sich über den Plan, holte sogar eine Lupe aus dem kleinen Container, der unter ihrem Schreibtisch stand und beugte sich über die Straße, in dessen Mitte dieses kleine unscheinbare, grün angelegte Grundstück lag. So etwas war ihr in den ganzen 20 Jahren, die sie nun schon im Bauamt arbeitete, nicht untergekommen. In einem städtischen Umfeld, wie es Friedrichshain insbesondere hier aufweisen konnte, mit kaum zerstörten Altbauten, eine solche Festlegung. Das machte einfach keinen Sinn! Irgendwo müsste doch noch ein Hinweis zu finden sein. Sie fuhr langsam mit der Lupe über den Plan, suchte die textlichen Festsetzungen ab, schaute in der Legende. Sogar auf der Rückseite untersuchte sie jeden Zentimenter. Aber außer einer mit Bleistift geschriebenen Datumsangabe von 1850 waren hier keinerlei Angaben zu finden.
Sie musste an den Architekten denken, der sie so enttäuscht und frustriert angeschaut hatte, als sie ihm die quasi nicht vorhandene Bebaubarkeit des Grundstückes erläutert hatte. Nicht nur, dass er einen abgehetzten Eindruck gemacht hatte, nein, sein Hände waren auch so fürchterlich dreckig gewesen. Was er wohl sonst als Architekt macht? Schöne Zeichnungen anfertigen konnte er auf jeden Fall. Aber wahrscheinlich war er gerade von seiner Baustelle gekommen. Einer dieser Bauleiter, die Tag für Tag auf der Baustelle sind und ganze Häuser aus dem Nichts entstehen lassen. Außer auf diesem Grundstück. Schade, sein Entwurf war wirklich sehr ausgefallen. Ich hätte vielleicht doch noch mal schauen sollen, warum um Himmels Willen für dieses Grundstück eine Grünfläche ausgewiesen ist!
Sie hatte auf einmal ein schlechtes Gewissen. Der Architekt hatte sich soviel Mühe gegeben. Und sie hatte ihn so bitter enttäuschen müssen. Nicht mal verabschiedet hatte er sich. Wie unhöflich! Dabei sah er gar nicht so unsympathisch aus. Nur etwas mehr lächeln könnte ihm nicht schaden. Sollte er nochmal in Ihre Bauberatung kommen, würde sie ihn das nächste Mal aufmuntern. Vielleicht hätte sie bis dahin auch etwas mehr Licht in das Dunkel dieses Grundstückes gebracht. Genau! Das wäre doch gelacht, wenn sie das nicht herausfinden würde. Sie, Susanne Kramphaus, seit 20 Jahren in diesem verfluchten Bauamt gefangen. In ihren Gedanken sah sie sich schon, wie sie auf der wöchentlichen Sitzung in ihrem Fachbereich über das gelöste Rätsel berichten könnte. Und alle würden sie voller Hochachtung anschauen. Die kleine Susanne. Immer unterschätzt. Das wäre wirklich eine gute Chance, es mal allen Kollegen zu zeigen!
Sie blickte auf die Uhr, die über ihrer Tür hing. Noch ein paar Stunden und sie hätte Feierabend. Das Grundstück lag auf ihrem Weg nach Hause. Wie praktisch. Sie würde sich das ganze vor Ort anschauen, vielleicht ergibt sich die Lösung des Rätsels ganz von alleine. Sie liegt bestimmt vor mir, ich sehe es nur noch nicht. Voller Tatendrang rollte sie den alten Plan ein und verschloss ihn wieder in der untersten Schublade ihres Planschrankes.
"Susanne? Kommst Du mit, ich mache Feierabend!". Ihr Kollege schaute zur Tür rein. Susanne blickte auf die Uhr. Schon 18 Uhr! Schnell zog sie ihre Jacke an und rannte ihm hinterher. Vor der Tür stand schon die Straßenbahn und schloss gerade ihre Türen. Susanne rannte nach vorne, lächelte den Fahrer mit ihrem zuckersüßesten Lächeln an und sprang in die Tram, als die Türen sich zum zweiten Mal und auch nur für sie öffneten.
Sonntag, 26. Oktober 2008
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