Der Fahrer der Tram M13 blickte in den Rückspiegel und schob langsam den Hebel nach vorne. Die Straßenbahn fing erst an zu ruckeln und setzte sich dann relativ zügig in Bewegung. Jürgen Wollank warf einen kurzen Blick auf die verschiedenen Anzeigen im Display seiner Tram. Er hatte alles im Griff, wie jeden Tag. Die Bahn war auf die Minute pünktlich an der Enhaltestelle Rathaus losgefahren. Vor ihm lagen etliche Kilometer Schienen. Bis ganz nach oben in den Wedding würde die Route ihn führen. Er kannte jede Station auswendig, wusste ganz genau, wie lange er für jeden Streckenabschnitt brauchte. Auch nach 30 Jahren war es ein erhabenes Gefühl, dieses stählerne Ungetüm durch die Straßen von Berlin zu dirigieren. Schon als kleiner Junge liebte Jürgen Wollank elektrische Eisenbahnen. Und so war es für ihn selbstverständlich, dass er genauso wie sein Vater den Beruf eines Eisenbahners annehmen würde. Ja, damals. In den 70er Jahren war es noch üblich, dass die Söhne den Beruf des Vaters übernehmen würden.
Aber heutzutage war ja sowieso alles anders. Dieser ganze digitale Firlefanz, der ihn jeden Tag aufs Neue in seiner Fahrerkanzel anblinkte und anpiepte. Er selbst kannte noch die ganz alten Straßenbahnen, die durch Berlin zuckelten und sich mit einem ohrenbetäubenden quietschenden Geräusch in die Kurve legten. Bei denen man nicht schwellenlos einsteigen konnte, sondern immer erst drei Stufen hinaufklettern musste. Die noch simple Fahrscheinautomaten im rückwärtigen Bereich hatten und ein einfaches rundes kleines Loch in die Fahrkarte stempelten, fast wie mit einem normalen Locher gemacht. Und bei den ganz alten Straßenbahnen gab es sogar noch einen Schaffner, der jede Station persönlich ansagte. Heutzutage gab es diese Einheitsansagen, die zentral irgendwo auf der Welt produziert wurden und die man dann per Datenkabel in den Computer jeder Bahn einspeisen konnte.
Jürgen Wollank zog den Hebel wieder zurück, um die Straßenbahn langsamer werden zu lassen. Die Station Boxhagener Platz näherte sich. Auf den Zentimeter genau hielt er die Tram vor dem kleinen Wartehäuschen an, das sich an der Nordwestseite des Platzes befand. Es hatte angefangen zu regnen, und schätzungsweise 20 Leute drängten sich unter dem Dach, um einigermaßen trocken zu bleiben. Schon von weitem erkannte er die Fahrgäste, die jeden Tag um die gleiche Zeit in seine Straßenbahn einstiegen. Das ganze hatte schon fast etwas Familiäres, nur die Namen jedes einzelnen kannte er natürlich noch nicht. Da war diese Frau, die jeden Tag mit einer großen prallgefüllten Einkaufstüte vom gegenüberliegenden Supermarkt kam. Oder der Mann im Business-Anzug, der akurat seine Aktentasche unter dem Arm hielt und ab und zu Akten studierte, falls er einen Sitzplatz bekam. Und dann natürlich die Frau, die immer abgehetzt aus dem Rathaus stürzte und ihn jedesmal anlächelte, damit er die Türen nochmals für sie öffnete, obwohl er eigentlich gerade losfahren wollte. Manchmal wartete er regelrecht auf sie und fuhr erst eine Minute später los, weil sie noch nicht eingestiegen war. Er kannte doch seine Fahrgäste! Niemals würde er jemanden stehen lassen.
Die Fahrgäste drängelten sich in der Tram, einige schauten gelangweilt aus dem Fenster, blätterten in Zeitschriften oder telefonierten lautstark mit ihrem Handy. Nur Jürgen Wollank starrte auf sein Display, das sich neben der Geschwindigkeitsanzeige befand und ihm in einer grobkörnigen gelben Schrift die nächste Station ansagte. Ab und zu musste er kontrollieren, ob die Anzeige der nächsten Haltestelle mit seiner aktuellen Position im Stadtgebiet übereinstimmte. Nicht, dass er am Alexanderplatz vorbeifuhr, aber das Display auf einmal "Hauptbahnhof" anzeigte. Nicht auszudenken! Jetzt aber konnte er auf der Anzeige eine Station erkennen, die er vorher noch nie gesehen hatte. Eigentlich hätte als nächstes die Haltestelle "Wühlischstraße" kommen müssen. Stattdessen zeigte das Display jedoch "Zum Vordemhausgarten" an.
Was zum Teufel soll das!? Wer hat hier an meiner Anzeige herumgespielt? Spielt dieser elende Bordcomputer schon wieder verrückt? Oder gab es mal wieder eine Umbennung einer Haltestelle und ich bekomme das als letzter mit?
Jürgen blickte nach hinten zu den Fahrgästen. Niemand schien sich auch nur im geringsten dafür zu interessieren, welche Station als nächstes angezeigt wird. Niemand schien sich zu wundern, dass auf einmal eine ganz andere Haltestelle kommen sollte. Überhaupt: In Berlin schien sich niemals irgendein Mensch über irgendetwas zu wundern. Die Menschen unterhielten sich weiterhin, Schüler schubsten sich hin- und her, alte Leute saßen stumm und unbeweglich auf ihren Sitzen.
Jürgen hielt in gewohnter Weise seine Tram an der Station "Wühlischstraße" an, die nun anscheinend "Zum Vordemhausgarten" hieß, und beobachtete die Leute, die ausstiegen. Er sah ihre gleichgültigen Blicke, die wie in Zeitlupe die Umgebung abtasteten und nach etwas Vertrautem schauten. Na, wenigstens wussten die Leute noch, wo sie wohnten! Wozu eigentlich Anzeigen, wenn sie keiner beachtet! Während er sich noch über all das Gleichgültige seiner Fahrgäste wunderte, sah er im Augenwinkel, wie die Frau aus dem Rathaus ebenfalls ausstieg und sich suchend nach links und rechts umschaute.
Sonntag, 26. Oktober 2008
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