Samstag, 17. Januar 2009

Folge 6: Alfred weiß etwas

Susanne Kramphaus schlenderte langsam die Straße hinunter, rechts und links schauend. Eigentlich eine ganz gewöhnliche Straße mit vielen Altbauten, inzwischend überwiegend saniert oder halbwegs mit einem neuen Anstrich versehen. Hier und da eine Kneipe, ein Cafe oder ein kleiner Laden, der auch noch zu später Stunde Lebensmittel verkaufte. Ihre Schuhe und vor allem ihre Absätze klangen melodisch auf dem alten Kopfsteinpflaster. Fast wie eine Trommel. Oder nein. Fast wie Pferdegetrappel. Das klang so antiquiert. Heute fuhren nur noch Autos über das Kopfsteinpflaster, Pferde sicherlich das letzte Mal vor gut 100 Jahren. Sie konnte es sich so richtig gut vorstellen. Eine Zeit, in der jedes Auto noch argwöhnisch betrachtet wurde und sogar bei einigen Bewohnern in der Stadt noch Unbehagen auslöste. Die Menschen waren es damals halt gewöhnt, große Strecken mit dem Pferd, zu Fuß oder als gut Betuchter mit der Kutsche zurückzulegen. Heutzutage war alles anders. Der alltägliche Wahnsinn des Parkplatzsuchens hatte auch vor dieser Straße nicht halt gemacht. Dicht an dicht standen die Autos auf beiden Seiten der Straße. Eigentümlicherweise auf der linken Seite ganz normal, Stoßstange an Stoßstange. Aber auf der anderen Seite hatte sich irgendein Kollege aus der Verkehrsabteilung dafür entschieden, hier ein sogenanntes Schrägparken anzuordnen. Welchen Sinn das wohl haben sollte? Sollte den Passagieren eines Flugezeuges, die über diesen Teil der Stadt flogen, etwas für das Auge geboten werden? Abseits der Langeweile ein hübsches Muster aus schräg geparkten Autos? Susanne zwängte sich zwischen zwei Autos vorbei und blickte die Straße hinunter.

Da musste es sein! Pötzlich gab es eine Lücke in der Bebauung. Wie eine Zahnlücke im Mund eines Riesen. Das Vorderhaus existierte einfach nicht. An seiner Stelle gab es eine große Rasenfläche, ein paar Büsche, ein kleiner hässlicher Metallzaun, der die Hunde davon abhalten sollte, die schön angelegte Rasenfläche als Toilette zu missbrauchen. Sonst nichts. Hinter einzelnen Fenstern des Seitenflügels brannte Licht. Susanne blickte nach rechts und links. Keine Menschenseele, nur ab und zu das Rattern eines Zuges, der hier - einige hundert Meter hinter dem Bahnhof Ostkreuz - schon einiges an Tempo draufhatte und dementsprechend mit einem lauten Geratter und Geklapper sein Dasein bekräftigte.

Warum bloß sollte hier kein Haus gebaut werden? Was ist das Besondere hier an dieser Stelle? Es war doch alles so normal und gewöhnlich. Sicher, hier und da gab es diese Lücken in der Stadt. Aber meistens stand an dieser Stelle vor dem Krieg bereits ein Vorderhaus, und die Bomben taten ihr übriges. In den 80er Jahren war es eine Selbstverständlichkeit, solche Baulücken als Spielplatz zu nutzen. Und regelmäßig gab es dann Diskussionen bei ihr im Büro über die Bebaubarkeit. Meistens scheiterte es nicht am Baurecht, sondern nur an den Bürgerinitiativen, die natürlich nicht mehr auf ihren Kinderspielplatz verzichten wollten. Insgeheim stimmt sie dem natürlich zu, schließlich musste man nicht alles in der Stadt mit Gebäuden vollpflastern. Aber hier? Welches Geheimnis verbarg sich hier? Ratlos blickte sie auf den Rasen und an der hohen Brandwand des Nachbargebäudes hoch. In Mitte würde hier sofort ein großes Werbeplakat hängen. Aber an dieser Stelle war es einfach nur eine große nackte Wand, in einem Farbton, der zwischen einem hellem fröhlichen Weiß und einem leicht deprimierenden Grau schwankte.

Urplötzlich stand er da. Neben ihr. "Sie wissen davon?"

Die Stimme hallte durch das Dunkel. Schemenhaft konnte Susanne einen Mann erkennen, mit einem abgewetzten Mantel und einer Flasche Schnaps in der Tasche.

"Wie bitte? Reden Sie mit mir?". Susanne schaute ihn erschrocken an. Sie hatte ihn nicht kommen hören, so versunken war sie in ihre Gedanken.

"Aber sicher." Seine Stimme klang sehr sanft und passte so gar nicht zu dem heruntergekommenden Äußeren. Offensichtlich ein Straßenpenner, ein Obdachloser. Und der jetzt mit ihr hier vor dieser Baulücke stand und sie ansprach.

"In diese Straße kommen nicht oft Leute. Und die wenigen bleiben erst recht nicht hier stehen und schauen so gedankenverloren auf dieses Grundstück." Er zeigte dabei auf die Rasenfläche und malte einen Kreis, der die Brandwand, den Seitenflügel und das Hinterhaus umschloss.

"Aber gestatten Sie mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Alfred. Alfred der Landstreicher. So werde ich hier in der Gegend genannt, jedenfalls von denen, die mich kennen. Aber Sie..." Er dehnte das Wort in die Länge und lächelte milde. "Sie sind nicht von hier, oder?"

"Äh... nein. Das stimmt. Und ich muss jetzt gehen!" Sie merkte, wie ihre Stimme etwas schneller und höher klang als normalerweise. Das Auftauchen dieses unheimlichen Mannes aus der Dunkelheit hatte ein gewisses Maß an Nervösität ausgelöst. Sie blickte ihn an. Einerseits war sein Äußeres sehr abschreckend, aber seine sanfte Stimme hatte dann doch etwas Beruhigendes an sich. Und mit dieser Erkenntnis machte sie kehrt und lief schnurstracks zurück zu der Tram-Haltestelle.